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Inhaltsverzeichnis

  • Zur Einführung: was treibt zur Philosophie?
  • Was ist Metaphysik?
  • Methoden der Philosophie: Mystik
  • Begriff und Abstraktion
  • Ta Physika
  • Leben
  • Raum






Zur Einführung:
Was treibt zur Philosophie?

Ich verstehe das nicht.

Die Frage, die in die Philosophie treibt.

Es ist so. Ja. Aber warum ist es so? Was sind die Ursachen? Wie hängt das zusammen?

Immer wieder bestätigt sich die Feststellung des Aristoteles: Wissen ist Wissen aus den Gründen. Und wenn ich die nicht weiß? Dann weiß ich eben nichts.

„Ich weiß, dass ich nichts weiß“ – der alt bekannte, so schön weise und romantische Satz des Sokrates. Vernachlässigt wird bei vielen, die diesen Satz so gerne zitieren, dass die Angelegenheit damit nicht etwa beendet ist, sondern erst anfängt: man will wissen, auch Sokrates wollte das. Also macht man sich auf und prüft, ob man nicht vielleicht doch etwas weiß, etwas sicher weiß, so sicher und unbezweifelbar, dass man darauf eine ganze Welt aufbauen kann.

An dieser Stelle scheiden sich die Geister. „So’ne Quatsch“, sagt uns’ Oma, „der Mensch muss essen, trinken und braucht ein Dach über dem Kopf, dafür muss er arbeiten und alles andere ist ein Luxus, den er nicht braucht.“ Oma hat den Krieg noch mit erlebt und weiß, was dies alles bedeutet; unberechtigt ist ihr Einwand nicht. Und wer warm und trocken an seinem Schreibtisch sitzt und philosophiert, sollte auch tunlichst nicht übersehen, dass Haus und Schreibtisch von ganz und gar unphilosophischen Menschen gebaut wurden und nun von einem Philosophen genutzt werden, der diesalles niemals zustande brächte. Allerdings: ohne die über 2.500 Jahre alte Philosophie stünde das Haus auch nicht. Denn dafür, dass es so gebaut wurde, nämlich, damit es nicht alsbald wieder zusammen fällt, braucht es einen Grund, und nach dem zu fragen muss man erst einmal gelernt haben. Ohne diesen Grund versteht man nicht, wie und warum man so zu bauen hat. Uns ist das selbstverständlich. Doch selbstverständlich ist es uns deswegen, weil es seit Urzeiten Menschen gibt, die feststellten, ich verstehe das nicht, mit dem ich doch tagtäglich umgehe. Warum ist das so? Wie hängt das zusammen?


„Was man nicht versteht, das muss man sich erklären“. Der alte Leitsatz aller Pseudointellektuellen. Material, sich etwas zu erklären, gibt es genug, von seriöser Philosophie bis hin zu den tollsten religiösen und esoterischen Spinnereien. Daraus kann man das auswählen, was einem am plausibelsten erscheint, was am ehesten zu dem passt, was man im Laufe seines Lebens an tauglichen Aussagen aufgenommen hat, oder was einen einfach vom Gefühl her anspricht. Man kann daraus ganze Ideologien aufbauen, nach dem Prinzip, es ist so, weil ich es gerne so hätte. Das wird dann auch mit missionarischem Eifer versucht, unter die Leute zu bringen. Denn eine Ideologie lebt nicht vom Wahrheitsbeweis, den sie gar nicht erbringen kann, sondern von der Anzahl ihrer Anhänger – und mit ihr natürlich ihr Erfinder; der hat zwar nicht das Zeug,Häuptling seiner Gesellschaft zu werden, hofft aber auf den Rang eines Medizinmannes. Das ist ja auch schon was. Ein Status mit Perspektive: der Papst trägt auch eine Krone.

Doch ihre Lehren kann man nicht verstehen, man kann sie höchstens glauben. Denn letztlich sind sie Unsinn, und Unsinn ist nicht verstehbar.

Philosophen machen sich seit alters her damit unbeliebt, dass sie nachweisen, dass solche Lehren auf Unsinn aufgebaut sind.

Warum? Darum. Die klassische Kinderantwort gibt das wieder, was wir gelernt haben. Das macht man so, weil man das immer so gemacht hat, und das hat auch funktioniert. Warum das so funktioniert? Nun, wenn man keine Erklärung dafür hat, denkt man sich eben eine aus. Eine, die in das System passt, durch das man die Welt versteht, in die Anschauung der Welt. Wobei dies – und schon sind wir mitten drin im Philosophieren – eigentlich gar nicht nötig ist. Denn die Sache funktioniert unabhängig davon, ob wir sie mit Erklärung versehen oder sie ohne Erklärung einfach so hinnehmen. Aber offenbar kann Mensch das nicht so gut ertragen. Rein vom praktischen Leben her kann er auf Erklärungen ebenso gut verzichten wie auf die ganze Philosophie; brauchen tut er sie trotzdem – eine menschenspezifische Eigenschaft. Doch warum braucht er Erklärungen?

„Frag nicht so lange, mach das.“ In der Wirtschaft ein durchaus beliebtes Verfahren. Es ist ökonomisch nicht immer sinnvoll, manchmal sogar schädlich, dass einer weiß, was er warum tut. Und in der Verwaltung gilt das gleiche. Soldaten gar werden – nach klassischer Methode – von vorn herein dazu erzogen, zu handeln ohne zu fragen. Das ganze nennt sich Gehorsam und galt mal als Tugend (manchem auch heute noch). Denn auf gehorsame Menschen ist Verlass. Sie sind berechenbar, und das gilt heute in der Politik als Tugend.

Aber ist das menschlich?

Und wieder sind wir bei der Frage: was kann ich wissen? Unbestreitbar und unbezweifelbar wissen?

Aber warum will ich das denn wissen? Denn praktisch ist es doch egal, ob ich es weiß oder nicht, mein Leben funktioniert auch ohne dieses Wissen. Es ist sogar anzunehmen, dass es ohne dieses Wissen um einiges besser und bequemer funktioniert.

Doch eines funktioniert nicht ohne dieses Wissen: die sichere Entscheidung darüber, was ich tun will. Was ich tun soll, das funktioniert; nämlich einfach das Übliche, das, was der Norm entspricht. Aber ist es auch das, was ich will? Nicht will, weil es mir so gefällt oder weil es mir angenehm ist oder Vorteile bringt, sondern will, weil es richtig ist?

Ich kann nicht wissen, was zu tun richtig ist, wenn ich nicht weiß, was wahr ist. Unbezweifelbar wahr. Denn wenn immer ich etwas tue, von dem ich nach bestem Wissen und Gewissen überzeugt bin, dass es richtig ist, jedoch nicht weiß, ob die Situation, in die ich mit meiner Entscheidung eingreifen will, wahr-genommen wurde, riskiere ich, dass ich etwas anderes bewirke als das, was ich tatsächlich bewirken wollte; möglicherweise nämlich genau das Gegenteil davon.

Der Kern aller Philosophie ist die Ethik.


Was ist Metaphysik?

Ta meta ta physika, das, was nach, über, hinter der Physik kommt, ist die geniale Betitelung eines Buches des Aristoteles von Andronikos von Rhodos. Dieser Titel sagt ja nicht das aus, was im Mittelalter daraus gemacht wurde und diesen Bereich der Philosophie so in Verruf gebracht hat. Es sagt nichts anderes als, dies handelt von dem, was nach der Physik kommt und damit über die Physik gedacht und gesagt wird. Die Physik, also die Tatsachen, die Wirklichkeit, die wahrnehmbare Welt, ist die Voraussetzung dafür. Primär können wir über nichts anderes nachdenken. Denn wir können nur über Etwas nachdenken (meta). Dieses „Etwas“ können zwar auch Vorstellungen, Überlieferungen, Ideen sein, jedoch gehören diese nicht zur Physik, zu dem, was von meinem Körper als außerhalb und unabhängig von ihm bestehend und mit ihm reagierend vorgefunden wird.

Die meisten Menschen gehen selbstverständlich davon aus, dass alles, was es gibt, an sich sei, also selbständig und unabhängig existiere. Dies ist durch einige Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende, jüdisch-christlicher Religion als nicht hinterfragtes Dogma festgelegt: am Anfang schuf Gott Himmel und Erde, dann Pflanzen, dann Tiere, und zum Schluss als Krönung den Menschen. Etwa so, wie einer ein Aquarium einrichtet. Erst nimmt er das Becken, füllt den Boden ein, dann Wasser, bringt das mit Heizung und Thermometer auf lebenstaugliche Qualität, setzt Pflanzen ein und zum Schluss die Fische. Wenn er das richtig macht, hat er einen kleinen Kosmos, in dem die Abfälle die Pflanzen ernähren und die Pflanzen Sauerstoff produzieren und ein natürliches Wasserklima. Denkt der Fisch, klar, existiert alles völlig unabhängig von mir, ist eine Welt, in und mit der ich lebe und deren einzelne Objekte ich gründlich erforschen muss. Und wenn ich die anders wahrnehme, als sie sind, dann täuschen mich meine Sinne. Da die das öfter mal tun, taugt die Wahrnehmung nichts. Was wirklich ist, erkenne ich nur mit dem Verstand. Der ist metaphysisch und heilig.

Damit verschwand nach und nach die Basis des Denkens, das worüber wir nachdenken, nämlich die wahrnehmbare Welt, aus dem Denken. Im Extremfall so weit, dass sie gar nicht mehr als real existierend angesehen wurde, sondern als Vorstellung, entweder als Vorstellung Gottes, an der ich durch meine Ebenbildhaftigkeit teilhaben kann, oder als meine eigene Vorstellung (Solipsismus). Damit hatte die Philosophie das Problem, die Realität der Außenwelt zu beweisen, heißt, ob die Dinge, die wir in der Außenwelt wahrnehmen, tatsächlich existieren, oder ob wir uns das nur einbilden bzw. ob sie uns eingebildet werden.

Problematisch ist diese Frage nicht dafür, wie wir mit der Welt praktisch zurecht kommen. Zudem: welchen schlichten Menschen rührt es schon, wenn ein paar Philosophen daran zweifeln, ob die Welt, mit der er sich tagtäglich herum schlägt, existiert? Problematisch ist sie für die Ethik. Denn wenn die Außenwelt nur meine Einbildung ist, dann sind moralische Fragen relativ belanglos. Denn es gibt ja niemanden, den ein falsches Handeln betreffen könnte, außer mir selbst, und ich bin auch der einzige, dem ich damit Schaden zufügen kann, alles andere ist schließlich nur eine Einbildung.

Ist aber die Welt nur eine Art kollektive göttliche Einbildung (Berkeley), dann können wir ebenfalls nur uns selbst Schaden zufügen durch falsches Handeln, den Schaden, der über uns kommt von Gott, der als Urheber der Einbildung als einziger zu bestimmen hat, was richtig und was falsch ist. Der Welt können wir immer noch keinen Schaden zufügen, weil sie ja gar nicht real existiert.

Die Frage nach der Realität der Außenwelt ist also keineswegs als reine Philosophenmarotte anzusehen, und so wird auch verständlich, warum Kant es als Skandal der Philosophie bezeichnete, dass sie die Realität der Außenwelt nicht habe beweisen können. Und warum er seine Metaphysik der Sitten als Provisorium bezeichnete. Ein großartiges Provisorium, aber eben nur ein Provisorium, denn was fehlt, ist der Grund.



Methode der Philosophie: Mystik

Es gibt keine große Philosophie ohne Mystik.

Alles andere, auch wenn die Ergebnisse durchaus beachtenswert sind, ist Konstruktivismus: bestehende, überzeugende Aussagen werden weiter geführt bzw. neu gruppiert, bleiben jedoch innerhalb eines festen Denksystems.

Aus einem solchen festen Denksystem kommt man nur über die Mystik heraus.

Was man freilich nicht erkennt, wenn man Mystik als Selbstfindungsprojekt, als religiöses Projekt oder als sonstwie romantisches Gedusel betrachtet.

Entscheidend für seriöse Mystik ist der mystische Weg eben in den Abgrund hinein. Er besteht darin, dass bestehende als Wahrheit für selbstverständlich gehaltene Aussagen kritisch abgeklopft und geprüft werden und, als letztlich haltlos erkannt, verworfen werden. Dazu gehören selbstverständlich auch als Wahrheiten geglaubte Aussagen über die eigene Person, Seele, Selbst usw. usf.

Das Ergebnis ist das Nichtwissen, vulgo die Idiotie. Aus dem heraus sich jedoch das wenige tatsächlich unverbrüchlich fest stehende fassen lässt. Beispielhaft hierfür Descartes, weil er es so schön beschrieben hat - nur, dass meist diese Beschreibungen in einen anderen Kontext gestellt und damit überlesen, nicht erkannt werden.

So wird meist gesagt, dass Descartes seinen "bösen Geist" benötigt habe, um auch das anzuzweifeln, was eigentlich nicht anzuzweifeln sei; für einen gläubigen Christen mag das gelten, nicht jedoch für einen Philosophen. Ein Philosoph muss auch die Möglichkeit prüfen, ob das, was er selbstverständlich für einen guten Gott hält, nicht tatsächlich ein böser Gott ist. Dass diese Prüfung eine sehr ernsthafte Angelegenheit ist, erkennt man an Ereignissen der Moderne: dass nämlich der als gut geglaubte Gott der Christen und Juden tatsächlich ein böser Geist im Descarteschen Sinne sei, nämlich eine jüdische Lüge, gehört zum Kern der Nazi-Ideologie, die folglich diesen geglaubten Gott durch die Vorsehung, die Stimme der Natur, die Stimme des Blutes als das tatsächlich gute Numinose ersetzten - daran erkennt man übrigens die Brüder, gleich, was sie sonst so von sich geben.

Wenn Gott ein böser Geist ist, so ist die Konsequenz, dass alles, was wir bisher als gut angesehen haben, tatsächlich böse sein könnte. Wenn wir es beispielsweise als gut ansehen, dem anderen nicht an die Gurgel zu springen, ihn umzubringen, um sich das anzueignen, was er besitzt, so könnte dies, wenn die entsprechende Norm von einem bösen Geist stammt, tatsächlich böse sein. Damit man sich mal die Konsequenzen und damit den Abgrund ausmalen kann, vor dem der gute Descartes stand.

Und aus diesem Abgrund heraus die Gewissheit: niemand kann mich darüber täuschen, dass ich bin. Eine Gewissheit, die aber nicht als logische Konsequenz des Denkens gewonnen wird, sondern als Erfahrung. Die allein schon deswegen nicht beschreibbar ist, weil man dem, der diese Erfahrung nicht hat, sie auch gar nicht beschreiben kann; das ist so, wie dem Blinden die Farbe zu beschreiben. Das kann man zwar versuchen, der Blinde wird sich da auch was zu denken, aber er wird nicht das denken, was gemeint ist - weil er eben noch nie Farben wahrgenommen hat.

Das Ergebnis ist ein anderes.

Dennoch kann ein Wechsel des Denksystems - nach einer gewissen Zeit - von anderen nachvollzogen werden. Das neue Denksystem wird aber nicht deswegen angenommen, weil Menschen die Erfahrung, die letztlich dazu führten, gemacht haben, sondern weil das sich daraus ergebende neue Weltsystem überzeugender, schlüssiger ist und bisher Unerklärbares erklärt. Etwa so, wie sich die Auffassung durchsetzte, dass die Erde sich um die Sonne dreht und nicht der Mittelpunkt der Welt ist. Sie setzte sich nicht durch, weil die Menschen Raketen in den Weltraum schießen und von dort aus bestätigen konnten, jo, so isses, is wahr, sondern weil das neue System als Ganzes in sich schlüssiger und besser erklärend war.

Wer das begriffen hat, wird z.B. das Mystische auch beim nur scheinbar so unmystischen Aristoteles erkennen (dass der tatsächlich gar nicht so unmystisch war, dafür spricht die Tatsache, dass Plotins Enneaden lange Zeit für die Theologie des Aristoteles gehalten wurde - hätte man nicht getan, wenn man da keine Verbindung gesehen hätte).

Denn nicht etwa Platon, sondern erst Aristoteles löste sich vollständig von der Vorstellung der Vielfalt im - ich sage mal - Überbau der Welt, die in Platons Ideenlehre durchaus noch klassisch griechisch gegeben war.

Wenn die Vielfalt als selbstverständlich vorausgesetzt und philosophisch-mystisch bezweifelt wird (in seiner Zeit, wohlgemerkt), so ist die Konsequenz der Zweifel an der Existenz überhaupt (und eben darin besteht die Anknüpfung zu Plotin, der dem Einen das Sein zu schrieb). Das wieder verweist auf den Weg des Parmenides, der ja damals schon als der Große erkannt war (sollte man mal fragen, warum eigentlich!) und auf die Gewissheit, dass Sein ist und Nichtsein nicht ist, tertium non datur.

Warum sollten diese komplizierten Gedankengänge den schlichten Alltagsmenschen interessieren? Sind sie nicht lediglich das nutzlose Privatvergnügen einiger Müßiggänger, die nichts besseres zu tun haben, als sich die Köpfe um Unwichtiges und tatsächlich für unser alltägliches Leben Unbedeutendes, um Nichts zu zerbrechen?

Man achte auf das Ergebnis: die Entdeckung der Logik.

Begriff und Abstraktion

Wenn wir über Objekte (oder auch Prozesse) nachdenken, können wir sie aufgrund gemeinsamer Eigenschaften zu Gruppen zusammen fassen. Eine solche Gruppe ist ein Begriff.

Dies ist allerdings nur ein erster, recht grober Einstieg zur Klärung der von mir im Folgenden gebrauchten Begriffe. Tatsächlich fassen wir konkrete Einzelobjekte nicht zu Begriffen zusammen, sondern sie werden uns zu Begriffen zusammen gefasst. Dies ist nämlich eine biologische Funktion. Unser Gehirn speichert ebenso wie das Gehirn des Tieres einzelne konkrete Wahrnehmungen aufgrund ihrer Ähnlichkeiten als Begriffe ab, und dies ermöglicht das Erkennen, Einordnen und Umgehen mit ebenso ähnlichen konkreten Einzeldingen.

Bis auf Eigennamen sind alle Wörter unserer Sprache Begriffe.

Unter den einfacheren Begriffen können wir uns immer noch etwas vorstellen. Wir können uns einen Baum vorstellen, wenn wir das Wort Baum hören, können uns rot vorstellen, wenn wir das Wort rot hören, aber auch den Prozess des Laufens, wenn wir das Wort laufen hören. Was wir uns aber vorstellen, ist immer nur ein typisches Beispiel aus der Menge aller Elemente, die mit diesem Wort bezeichnet werden; die Menge selbst können wir uns nicht vorstellen. Versuchen wir es, verliert sich unsere Vorstellung irgendwann in der Unmenge der Elemente.

Aber auch diese begrifflichen Mengen können wir aufgrund gemeinsamer Eigenschaften wiederum zu Mengen zusammen fassen. Wir können Baum und Gras zur Menge Pflanzen zusammenfassen. Ein solcher Begriff ist eine Abstraktion. Erst mit dieser Abstraktion, dem bewussten Bau von Termini, beginnt die spezifisch menschliche Denkleistung. Allerdings hört mit der Abstraktion der vorstellbare Begriff, den wir aus der Alltagssprache kennen, in der Regel schon auf.

Das Wort Pflanze gebrauchen wir wie einen Familiennamen.

Wollen wir wissen, was denn nun eine Pflanze ist, heißt, welche Eigenschaften etwas haben muss, damit wir es Pflanze nennen, müssen wir die Biologen fragen – und da kommt dann heraus, dass eine Koralle keine Pflanze ist, wie wir nach der oberflächlichen Wahrnehmung meinen würden, sondern ein Tier.

Je höher der Abstraktionsgrad ist, desto mehr müssen wir uns kontrolliert von der Vorstellung lösen. Mathematisch denken, in Mengen, die einzig und allein durch ob ihrer Allgemeinheit nicht mehr vorstellbare Eigenschaften bestimmt sind.

Kontrolliert heißt Selbstkontrolle. Sobald wir uns ein konkretes Beispiel vorstellen, gehen wir vom Allgemeinen zum Speziellen – und Aussagen, die wir darüber machen, treffen nicht mehr allgemein zu. Vorstellungen können zwar hilfreich sein, um sich Beziehungen klar zu machen, aber dies wiederum nur auf der abstrakten Ebene.

Heißt: wenn ich von Lebewesen rede, dann meine ich die Menge aller Objekte, die durch keine andere Eigenschaft bestimmt sind als die, dass sie leben. Das trifft auf den Menschen ebenso zu wie auf den Knöterich, die Amöbe oder den Alien, so er einmal auftauchen sollte.

Wenn ich von Substanz rede, so meine ich damit die Menge, die alles umfasst, was konkret existiert. Diese Menge ist durch keine andere Eigenschaft bestimmt als dadurch, dass das, was sie enthält, ist. Wenn sie durch keine andere Eigenschaft bestimmt ist, so hat das, was sie enthält, keine Form. Sie ist nicht gleich der Menge aller Objekte. Denn das Objekt hat eine Form, nämlich gegen anderes abgrenzbar und damit Objekt zu sein. Es gibt aber keinen Grund für die Annahme, dass alles, was existiert, eine Form haben muss.

Gleichzeitig wissen wir, dass ein und dieselbe Substanz unterschiedliche Formen annehmen kann. Klassisch das Beispiel mit dem zu verschiedenen Gefäßen und Objekten formbaren Ton, moderneres Beispiel wären die unterschiedlichen Aggregatzustände ein und derselben phyikalisch-chemischen Substanz.

Substanz, wie ich das Wort gebrauche, ist der selbst formlose Träger aller Formen.
Den Begriff Substanz verwende ich deswegen, weil die Begriffe Stoff und Materie mit objekthaften Vorstellungen belegt sind. Materie wird z.B. in der Physik mit Masse beeigenschaftet, was bereits ein Präjudiz enthält.

Ta Physika

Quantenphysikalische Experimente ergaben, dass ein und dasselbe Elementarteilchen an zwei Orten zugleich sein kann.

Möglich, dass hier die gesammelten Physiker einem Irrtum unterlagen. Doch abgesehen davon, dass das wohl ziemlich unwahrscheinlich ist, die Möglichkeit, dass es so sein könnte, würde selbst bei einem nachgewiesenen Irrtum erhalten bleiben und damit das Problem. Um dieses Problem geht es mir, unabhängig davon, dass unseren Physikern natürlich längst eine Umgehungsstraße eingefallen ist durch Einführung des Beobachters und Modifizierung der Logik zur Quantenlogik.

Das Problem besteht darin, dass dieses Experiment der Logik widerspricht. Es bedeutet, dass zwei verschiedene Teilchen, denn das heißt es, gleichzeitig an verschiedenen Orten zu sein, identisch sind. Damit ist das logische Axiom non(A+non A) aufgehoben.

Es gibt nun zwei Möglichkeiten: entweder die Logik ist ein Irrtum. Diese Möglichkeit werde ich hier nicht prüfen, denn dass sie falsch ist, ergibt sich aus dem Folgenden.

Oder die Logik ist nicht das, wofür wir sie halten, nämlich etwas unabhängig an sich Existierendes.

Führt uns wieder zu der alten Frage: wessen können wir gewiss sein? Ich bin mir gewiss, dass ich und anderes existieren. Gewiss aufgrund von Erfahrung. Allerdings ist diese Gewissheit, weil subjektiv, nicht anderen nachweisbar.

Öffnet jedoch den Blick für andere Erkenntniswege.

Man kann die mitteilbare Gewissheit von verschiedenen Aspekten aus angehen. Ich wähle hier den mir bequemsten und m.E. klarsten: Wittgensteins unsinnigen Zweifel. Er besagt: Zweifel hat Voraussetzungen. Ich muss etwas wissen, um zweifeln zu können. Um bezweifeln zu können, ob es die Außenwelt gibt, muss ich wissen, dass es etwas gibt, und dass ich mich mit dieser Annahme irren kann, also feststellen kann, dass es das doch nicht gibt. Ich kann annehmen, dass es Einhörner gibt, und später feststellen, dass Einhörner nur aus der Phantasie des Menschen geboren sind. Wenn ich weiß, dass ich mich so irren kann, kann ich bei jedem einzelnen Teil der Außenwelt annehmen, dass ich mich irren kann. Ich kann daraus aber nicht folgern, dass ich die gesamte Existenz der Außenwelt bezweifeln kann. Denn um daran zweifeln zu können, muss ich wissen, dass es etwas geben kann oder nicht geben kann. Jeder Zweifel, ob es etwas gibt, impliziert also, dass es etwas gibt. Folglich ist der Zweifel an der Existenz der Außenwelt unsinnig, weil im Zweifel selbst ihre Existenz bestätigt wird. Gäbe es nichts, könnte ich gar nicht fragen, ob es etwas gibt oder nicht.

Desweiteren: wenn wir nachdenken oder reden, können wir immer nur über etwas nachdenken oder reden. Wenn wir nicht über etwas nachdenken oder reden, denken oder reden wir nichts. Das trifft auch dann zu, wenn wir über unsere Vorstellung denken oder reden. Dann ist die Vorstellung das, worüber wir reden. Heißt, ich, das existierende Subjekt, kann immer nur über ein Objekt reden. Ich tauche immer nur dann auf, wenn ich mich mit etwas befasse, das anders ist als ich, das zu mir Objekt ist (Objekt im grammatikalischen Sinne, also nicht notwendigerweise als konkret existierendes Objekt).

Desweiteren: wenn wir die Gewissheit erhalten wollen, können wir die Außenwelt nur als Substanz ansehen, da wir mit der Möglichkeit rechnen müssen, dass jede ihrer Formen, die wir wahrnehmen, irrig ist. Also müssen wir, um den Irrtum auszuschließen, die Außenwelt als die Menge begreifen, die alles umfasst, was die Eigenschaft hat, dass es das gibt und gleichzeitig potentieller Träger aller möglicherweise existierenden Formen ist. Diese Substanz schließt uns selbst ein, mit der Ausnahme des darüber nachdenkenden und redenden Subjekts.

Desweiteren: wir wissen aber, dass es Formen gibt. Daran zu zweifeln ist ebenso unsinnig, wie an der Außenwelt zu zweifeln. Heißt, wir können jede Form in ihrer Existenz anzweifeln, aber nicht die Existenz von Formen überhaupt. Das gleiche gilt fürBewegung, also Prozesse. Prozesse sind für uns nicht fassbar wie Objekte, also geformte Substanz. Weil sie niemals sich gleich bleiben. Was wir erfassen können, sind immer nur ‚Momentaufnahmen’, die im nächsten Moment schon nicht mehr sind. Sprachlich drücken wir das in Verben aus – und sind versucht, diese Verben zu substantivieren, um den nicht fassbaren Prozess fassbar zu machen. Was eine Illusion ist. Wir können sagen, die Form ist das Stabile, der Prozess ist das Veränderliche, der sich allerdings nur an der Veränderung der stabilen Formen zeigt. Wir sehen, dass da etwas vorgeht, etwas stattfindet, wissen aber nicht was. Wir wissen nur, dass es Folgen hat für die Stabilität der Formen. Woraus ich schließe, dass die Prozessualität, die Veränderung, in der Substanz liegt.

Desweiteren: wenn ich nun annehmen muss, dass Prozessualität, Bewegung, Energie, Kraft in irgendeiner Art zur Substanz gehört, dann folgt daraus, dass Substanz sich niemals selbst wahrnehmen kann. Denn es gibt nichts Bleibendes, das wahrnehmen könnte; es wäre im nächsten Moment ein anderes. Damit Wahrnehmung möglich ist, muss es eine Konstante in der Veränderung geben. Diese Konstante ist das Lebewesen. Und zwar dadurch, dass es in der Lage ist – genau das ist Leben – die einmal gefundene Form eine Zeit lang zu erhalten. In der Veränderung zu erhalten, indem es Verändertes abstößt und Neues zur eigenen Form verändert – vulgo Stoffwechsel. Diese Form ist notwendigerweise gegen alles andere abgegrenzt. Durch diese Abgrenzung als Form erhält die es umgebende Substanz, die nicht diese Form hat, Raum. Nicht für die formlose Substanz, wohl aber für das den Moment überdauernde Lebewesen. Und auch Zeit. Denn nur die Konstante ist in der Lage, durch ihr Überdauern Veränderung überhaupt erst auszumachen, und sei es auch nur die Veränderung in sich selbst, die zum Anziehen und Abstoßen führt. Mit dem Lebewesen entsteht also inmitten der raumzeitlosen Substanz ein Zeit-Raum. Aber eben nur für das Lebewesen, und nicht absolut oder an sich. Nicht die Welt hat Zeit und Raum, sondern unsere Welt, die, die wir wahrnehmen können und in der wir leben.

Ich fasse zusammen: Es ist gewiss, dass ich (Descartes) und eine Außenwelt existieren. Ich und Außenwelt sind eine Subjekt – Objekt – Beziehung. Das eine geht nicht ohne das andere. Die Feststellung der Existenz ist nur möglich durch eine Form. Geformte Substanz grenzt sich ab von ungeformter Substanz. Daraus folgt, dass das Lebewesen selbst das Grundprinzip der Logik enthält, nämlich, dass das, was die Form umfasst, ungleich dem ist, was außerhalb dieser Form ist.

Für uns Menschen, die wir darüber nachdenken können, erscheint dieses Grundprinzip auch in der einander bedingenden Subjekt-Objekt-Beziehung, die aber ebenfalls die Konstante voraussetzt.

Daraus folgt aber auch, dass die Struktur unserer Welt die Logik ist, denn wahrnehmen können wir nur Stabiles, Formen, dann, wenn sie als etwas auszumachen sind, das sich von allem anderen unterscheidet; sonst nicht. Das heißt, diese Formen bestehen nicht an sich. Es gibt keine festen Gegenstände, die so und so beschaffen sind, auch nicht uns selbst. Es gibt nur Unterschiede, vielleicht eine Art unterschiedliche Verteilungen, unterschiedlich vor allem im Verhältnis zu uns selbst, auf die wir kraft unserer Konstitution so reagieren. Was geschieht z.B., wenn wir etwas ertasten? Welcher Reiz wirkt da auf unsere Sinne – im Vergleich zu Licht- oder Schallwellen?

Prozesse können wir nur durch Veränderung an den Formen wahrnehmen.

Außerhalb unserer Welt, außerhalb unserer Wahrnehmungsfähigkeit, die durch unsere Formhaftigkeit bedingt ist, gibt es aber weder Zeit, noch Raum, noch Logik.
Unsere Welt ist ein Raum in der Zeitlosigkeit, dadurch gebildet, dass Lebewesen durch die Form, die sie durch die Veränderung hindurch eine Zeit lang erhalten können, die Fixpunkte sind, ohne die gar keine Veränderung erkennbar wäre.

Dass das Sein, die Substanz der Welt, ist Energie oder, besser (da wir uns unter Energie wieder etwas im Gegensatz zu anderem vorstellen wollen) Kraft ist, sagte im Grunde schon Heraklit. Denn er nahm das Feuer als die Substanz der Welt an, aus der alles entstanden ist und aus dem immer noch alles besteht. Feuer war die einzige damals bekannte Form von Energie. Allerdings stellt sich hier das umgekehrte Problem des Aristoteles. Denn überwiegend schworen die Menschen auf die Existenz von unabhängig voneinander bestehenden einzelnen Dingen ("Dinge an sich") und so fragte Aristoteles, na schön, aber woher kommt die Bewegung? Gehen wir aber davon aus, dass das Sein dynamisch ist, eine Art Kraft, so stellt sich die Frage, wie es denn zu festen Körpern kommt. Hier als eine Art deus ex machina eine zweite Kraft voraus zu setzen, die aus der Substanz feste Körper formt, die wiederum Dinge an sich wären, ist allzu billig. Wenngleich alt hergebracht und populär: vor Zeiten führte man zur Erklärung des Donners die Kraft des den Hammer schwingenden Armes von Thor ein.

Nein, es ist die eine substantielle Kraft, die das Lebewesen formt, oder vielmehr, die danach strebt, die im Moment bestehende Konstellation durch die Veränderung hindurch zu erhalten, indem sie die ihr innewohnende Veränderung auf Veränderung zu sich selbst hin richtet.

Heraklit, aber auch Parmenides, der so gegensätzlich zu Heraklit gar nicht ist, wie es bei oberflächlicher Betrachtung scheint, fanden ein für unsere Verhältnisse hoch modernes Weltbild. Dieses Weltbild ist untergegangen, aus Glaubensgründen. Denn durch die Christianisierung wurde nicht nur das im Vergleich z.B.zu den Babyloniern bereits extreme jüdische Weltbild übernommen, sondern, gegenüber der Genesis, wo der Geist Gottes immerhin noch über dem Wasser schwebte, das also ebenso ewig war wie er selbst, noch weiter ins Extreme getragen, nämlich zur Welt als göttlicher Schöpfung aus dem Nichts.

Seitdem haben wir das Problem mit dem Nichts. Ein künstlich vom Glaubensdogma erschaffenes, das z.B. die Babylonier nicht hatten, denn nach ihrer Auffassung begann die Welt damit, dass ihre Hauptgötter Apsu und Tiamat sich mit der Trennung von Süß- und Salzwasser erhoben. Auch für die Griechen war das Nichts kein Problem. Denn – vollkommen logisch – Nichts gibt es nicht. Für sie entstand die Welt durch Ordnung des ewigen Chaos zum Kosmos.

Für uns aber gibt es das Problem Nichts, und zwar deswegen, weil unser Denken davon geprägt ist, dass Gott die Welt aus dem Nichts geschaffen hat und sie – vielleicht – irgend wann einmal wieder ins Nichts vergeht. Wobei wir in der Regel großzügig übersehen, das Nichts nicht ist. Die Konsequenz ist aber die Existenz von Dingen an sich, ein Weltbild, das im Grunde weiter nichts ist als ein Sammelsurium an sich existierender Gegenstände, und wenn es nicht der liebe Gott war, der sie geschaffen hat, dann war es eben der Zufall.Heißt, wir haben uns zwar von der christlichen Genesis entfernt, nicht aber von dem durch sie vermittelten Weltbild. Das wirkt munter weiter fort, in unserem Denken bis hinein in unsere Naturwissenschaften. Da wird Gott dann eben durch den Urknall ersetzt. Der Urknall ist das, was wahrnehmbar gewesen wäre, wenn es damals Menschen gegeben hätte. Problem: es gab keine. Es gab noch nicht einmal Lebewesen. Es gab nichts und niemanden, der einen Urknall hätte erleben können. Der Urknall ist weiter nichts als das rechnerische Produkt von Menschen, die sich selbst außerhalb der Welt setzen und sie von dort aus betrachten und dabei übersehen, dass das gar nicht möglich ist, da sie selbstverständlich immer und überall Teil der Welt sind. Wenn die Welt, um Wittgenstein aufzugreifen, alles ist, was der Fall ist, dann ist der sie von außen über ein üaar Millionen Jahre betrachtende Mensch eben nicht der Fall. Und das ist nachgerade absurd.

Das heißt nun nicht, dass die Erforschung der Erd- und Weltallgeschichte völlig unnütz wäre. Insofern sie durch ihre Annahmen zu Ergebnissen kommt, die heute vorhandene Phänomene entdecken, erklären und handhabbar machen können, ist sie durchaus nützlich; nur allzu ernst nehmen sollte man sie nicht. Und daran denken, dass man Astronomie auch zu Zeiten betrieb, als man noch annahm, dass die Sonne sich um die Erde dreht und auch dabei durchaus zu nützlichen Erkenntnissen kam.

Machen wir uns einfach einmal klar, welche weiteren Annahmen die Annahme der Existenz von Dingen an sich zwingend nach sich zieht. Wenn wir Materie annehmen, die irgendwann einmal in unvorstellbarer Zusammenballung existiert hat – man achte schon mal auf das Wort „unvorstellbar“ - dann müssen wir natürlich auch eine Kraft annehmen, die dafür gesorgt hat, dass sie explodiert ist. Das reicht aber nicht. Annehmen müssen wir auch Gesetze, nach denen beide sich verhalten, der alte griechische Gedanke, das, was das Chaos zum Kosmos ordnet. Wir müssen ferner die Präexistenz von Zeit und Raum annehmen und noch allerlei mehr, heißt, wir müssen daran glauben.

Nach meinem Geschmack zu viele Glaubenssachen. Ich empfehle da den Gebrauch von Occhams Messer.


Leben

In einer Welt, deren Substanz an keinerlei Materie gebundene Kraft ist, ist das Lebewesen das einzig Stabile. Stabil nicht hinsichtlich seiner Substanz - das wäre gar nicht möglich, denn die Substanz ist stets die gleiche - sondern hinsichtlich seiner Form. Eine Form, die dadurch zustande kommt, dass die Kraft die Veränderung auf sich selbst richtet, darauf, eine momentane Konstellation über den Moment hinaus zu erhalten, indem sie Verändertes permanent in ihre Umgebung abstößt und vom sie Umgebenden das und so viel aufnimmt, dass es die bestehende Konstellation erhält. Diese Kraft, die das Lebewesen lebend erhält, nennen wir Lebenskraft. Lebenskraft ist Substanz, die eine willentliche Richtung hat, nämlich auf Erhalt der Form hin.
Oder auch: durch die Lebenskraft wird die momentane Konstellation Form.

Lebenskraft ist Substanz. Was wir Lebenswillen nennen, welches der Wille zu sein ist, ist ein Aspekt der Substanz, des Seins. Sein will sein, will sich erhalten und zentriert diesen Willen im Erhalt einer bestehenden Konstellation, dem Lebewesen. Es ist kein Zufall, dass Sein lebt, sondern notwendige Konsequenz des Willens zu sein. Im Lebewesen nimmt das Sein sich selbst als seiend wahr und ohne dies wäre nichts.

Mit dem Lebewesen entstehen Raum und Zeit.


Raum

Wenn wir von Raum sprechen, gehen wir immer von etwas aus, das ebenso begrenzt ist wie wir selbst, wie unsere eigene Form. Denn wenn wir über etwas sprechen, dann spricht ein begrenztes Subjekt über ein Objekt, das in aller Regel ebenso als begrenzte Form wahrgenommen wird. Doch solche Objekte sind Objekte im Raum. Der Raum selbst hingegen ist einzig von innen begrenzt, nämlich durch uns selbst, die wir Lebewesen sind. Ein Lebewesen ist die innere Grenze des Raumes, der überhaupt nur dadurch entsteht, dass er diese innere Grenze hat. Und er entsteht nur für das Lebewesen. Nach außen hin aber hat er keine Grenze.

Dennoch neigen wir dazu, den Raum als Objekt abzugrenzen, nämlich gegen das Nichts. Das aber ist ein Widerspruch, denn wenn das Nichts den Raum begrenzen sollte, so müsste Nichts sein.

Dennoch können wir vom Nichts sprechen, mit einer notwendigen Einschränkung, nämlich vom Nichts in der Bedeutung, dass es nichts Seiendes enthält. Nichts Seiendes heißt, nichts, was für uns kraft unserer Konstitution als diese Art Lebewesen mittelbar oder unmittelbar wahrnehmbar ist. Wenn wir in diesem Sinne diese Welt als unsere Welt betrachten, so ist das Nichts das, was jenseits unserer Welt ist. Doch dieses "jenseits unserer Welt" ist, und so ist es auch kein Widerspruch zu sagen, dass Nichts ist, denn es bedeutet lediglich, dass dort nichts für uns Wahrnehmbares ist. So hat nicht die Welt, wohl aber unsere Welt Grenzen. Ihre Grenzen sind das für uns Wahrnehmbare und begrenzt wird sie vom Nichts als dem für uns nicht Wahrnehmbaren.

Diese Grenze ist jedoch keine räumliche Grenze, sondern eine immanente. Immanent allein schon deswegen, weil für uns nur das wahrnehmbar ist, was von Anderem zumindest für uns selbst als außerhalb unserer Form liegend unterscheidbar ist. Nicht unterscheidbar aber ist das, was dieser Form zugrunde liegt, was sie trägt, nämlich die Substanz. Sie ist für unsere Wahrnehmung nichts, denn die Substanz ist kein gegen irgend ein anderes abgrenzbares Seiendes. Das Seiende ist unserer Wahrnehmung zugänglich, nicht jedoch das Sein selbst. Für unsere Wahrnehmung ist das Sein das Nichts. Und nur die Metaphysik kann, auf der Grundlage der Physik, über die Wahrnehmung hinaus denken.

Copyright, 01.04.2009, Otla Pinnow

 
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