Die große Depression Eine Skizze der Stimmung der Postmoderne
Feudaldemokratie Über feudalistische und republikanische Denkstrukturen in unserer Bürgergesellschaft
Auf zur Säkularisation! Eine Antwort auf Sloterdijks Empfehlung zur Bewältigung der Wirtschaftskrise
"Eskalation in den Umverteilungsstaat" Zur Erinnerung an das Lambsdorf-Papier
Absage an Die Linke Eine kritische Betrachtung dieser Partei
Die große Depression
Die große Depression.
Die Sehnsucht nach dem gnädigen
Todesstoß.
Die Zeit bis dahin wird nur noch
überbrückt - man beschäftigt sich damit, irgend etwas
scheinbar Wichtiges zu tun, dem Dasein irgend ein Quäntchen
Genuss abzupressen - es hält ja sonst nichts bereit.
Ob Trash-TV, Computerspiele oder
wundersame Geldvermehrung, man lenkt sich ab durch Unterhaltung. Lebt
in einer illusionären, unwirklichen Welt, weil man die wirkliche
längst verlassen hat.
Und wenn alles zusammen kracht?
Nun, dann kracht es eben. War ja voraus
zu sehen. Das Ende kommt sicherlich.
Besser, es kommt nicht zu spät.
Nicht erst dann, wenn man greis und pflegebedürftig ist, denn
wer soll pflegen, wo es sich doch nicht lohnt, zu zweit ein
gemeinsames Leben aufzubauen, durch dick und dünn zu gehen, wohl
wissend, dass der andere gewaltige Mucken hat, wie jeder, die nicht
reparabel sind? Ein gemeinsames Leben, aus dem Kinder wachsen, denen
man eine solide Grundlage für ihr eigenes Leben verschafft, das
ja weiter geht, wenn man selbst nicht mehr ist?
Wagners Wotan beobachtet nur noch das
Geschehen in der verfluchten Welt und wartet nur noch auf das Ende,
die Götterdämmerung. Aus der eine neue, reine Erde
entsteht, doch sie geht ihn nichts an, denn er wird dann vergangen
sein.
So leben und handeln Menschen in
unserer Gesellschaft. Viele Menschen. Sie entscheiden und handeln so,
wie es ihrem Weltbild entspricht.
Gesellschaftliche Systeme entstehen
nicht einfach so, aus zufälliger oder naturbedingter Entwicklung
heraus, sondern aus einem gemeinsamen Weltbild. Dem Zusammenbruch
eines Systems folgt der Zusammenbruch des ihm zugrunde liegenden
Weltbildes - folgt, denn so falsch ein Weltbild auch immer sein mag,
es gilt denen, die es haben, als selbstverständlich und wird
nicht hinterfragt. Erst, wenn die Tatsachen zeigen, dass das alte
Weltbild nicht funktioniert, dass es unmöglich wahr sein kann,
wird nach einem neuen gesucht.
Deutschland unmittelbar nach dem Krieg
zeigt dies. Das nationalsozialistische Weltbild wurde tatsächlich
von den meisten nicht hinterfragt und Krieg und Verfolgung wurden
seufzend hingenommen als eine Art naturnotwendiges Schicksal, das man
beklagte, aber nicht als ursächlich dem Weltbild und den daraus
resultierenden Entscheidungen folgend ansah.
Erst angesichts der KZ's und der
mörderischen Bilanz kam schlagartig die Erkenntnis, dass etwas
an dem Selbstverständlichen grundfalsch sein müsse, denn
der Mensch, das Humanum schrie: Nein.
Und das keineswegs bei allen. Denn der
dadurch ausgelöste Kritikprozess hat Jahrzehnte gedauert und ist
m.E. noch keineswegs abgeschlossen, hat noch keineswegs die Tiefe
erreicht.
Weltbilder sind äußerst zäh.
Die normale Reaktion ist, an ihrer Oberfläche zu kratzen, die
Symptome zu kurieren, das Fundament aber so zu belassen, wie es ist -
man glaubt ja dran. "Hitler hätte nur den Krieg nicht
anfangen dürfen". "Hitler hätte nur die Juden
nicht ermorden dürfen" - in der Nachkriegszeit oft gehört.
Oberfläche. Hätte er eben das nicht gemacht, hätte die
Sache gut laufen können. Dass dies jedoch aus dem Grund des
Weltbildes heraus logisch zwingend war, wird übersehen. Die
politische Entscheidung wird als grundlose und somit jederzeit
abänderbare persönliche Zufallsentscheidung angesehen. Ist
sie aber nicht.
Politische Entscheidungen sind nicht
grundlos. Sie sind vernünftig. Auch dann, wenn sie uns im
Nachhinein irrational und unvernünftig erscheinen. Irrational
und unvernünftig erscheinen sie nur dem, der ein anderes
Weltbild hat als diejenigen, die so entschieden. Dies gilt auch für
unsere heutigen politischen Entscheidungen. Große politische
Konflikte sind stets die Konflikte zwischen unterschiedlichen,
miteinander nicht zu vereinbarenden Weltbildern, vor deren
Hintergrund der Wille und die Entscheidung des jeweils anderen als
unvernünftig, irrational und deswegen nicht ernst zu nehmend
erscheint. Es gibt dann keine Erklärung für den dem eigenen
entgegen gesetzten Willen des anderen, und so wird dann immer wieder
die Erklärung hervor geholt, die dem unbeirrbar Gläubigen
immer als letzte Erklärung Dienst tut: der andere will das, was
er will, aus reiner Bösartigkeit. Mit von Natur aus Bösartigen
kann man jedoch nicht diskutieren. Ihrem – scheinbar –
unvernünftigen Willen kann man nur bracchiale Gewalt entgegen
setzen.
Seit 150 Jahren geht das Abendland
unter. Vergreist. Erzählt immer wieder die alten Geschichten,
wie es war, als es noch jung war. Es ist nur noch langweilig und
lästig, sich damit zu befassen.
Den Untergang ausgerufen hat Nietzsche.
Der letzte Mensch aus Zarathustra ist sein Symbol. Formuliert und in
eine geschichtsphilosophische Kreislaufstruktur eingebunden hat ihn
Oswald Spengler: „Der Untergang des Abendlandes“ - sein
Buch. Auch seinen großen Mythendichter hat es bereits gekannt,
Thomas Mann, vor allem mit den Geschichten „Buddenbrooks –
Verfall einer Familie“ und „Der Zauberberg“. Den
heutigen Zustand der großen Depression fassen wir mit einem
Wort zusammen: Postmoderne. Dass manche ihn das Ende der Geschichte
nennen, ist durchaus richtig. Denn es ist das Ende einer Geschichte –
ihrer.
Stellen wir dem Goethes Faust entgegen,
den großen literarischen Mythos einer ganz anderen Zeit,
erkennen wir, die große Depression ist nicht
selbstverständlich. Denn Faust, am Ende seines Lebens mit
Blindheit geschlagen, vermeint, noch während die Lemuren ihm
sein eigenes Grab graben, Arbeiter zu hören, die einen Sumpf
trocken legen, um so Land zum Leben für künftige
Generationen zu schaffen. Hier spricht der Rastlose das Wort aus, auf
das Mephisto so lange gewartet hat: „Zum Augenblicke möcht'
ich sagen, verweile doch, du bist so schön.“ Und die
Antwort aus Goethes Himmel lautet: „Wer ewig strebend sich
bemüht, den können wir erlösen“.
Da steckt etwas ganz anderes hinter,
eine ganz andere Mentalität, und das zeigt, dass die große
Depression, das Verharren in hilfloser Untätigkeit, das vielen
so zwingend als normale Begleiterscheinung des menschlichen Lebens
gilt, nicht normal ist. Und eröffnet damit die Frage nach den
Ursachen.
Feudaldemokratie
Es ist noch gar nicht so lange her,
dass in Deutschland der Feudalismus abgeschafft wurde. Die
politischen Strukturen Europas sind ursprünglich feudal. Seit
den Zeiten der alten Römer. Darin unterscheidet sich Europa von
Nordamerika, denn dorthin wanderten vorwiegend jene aus, die die
feudalistischen Fesseln nicht weiter ertragen mochten.
Über die Nachteile des Feudalismus
braucht nichts gesagt zu werden; er ist ja nicht umsonst
niedergekämpft worden. Aber man muss auch über die Vorteile
reden, die er vor allem für den berühmten kleinen Mann,
insbesondere vom Lande, hatte. Denn der Feudalherr war der Patron,
der letztlich dafür sorgte, dass jeder eine Lebensgrundlage
hatte, und sei es im Armenhaus. Das dürfte der Grund sein, warum
sich der Feudalismus in vielen ländlichen Gegenden der Welt
immer noch zäh hält, denn im Vergleich dazu ist der
Kapitalismus ungleich brutaler.
Es ist noch gar nicht so lange her,
dass der Feudalismus in Deutschland verschwunden ist; im Grunde erst
mit der Enteignung der ostelbischen Junker Ende der vierziger Jahre
des letzten Jahrhunderts. Nicht lange genug, um feudale Muster im
Denken der Menschen verschwinden zu lassen. Wesentlicher Grund für
den langen Erhalt dieser Muster ist natürlich das Preussentum,
durch das Deutschland Ende des vorletzten Jahrhunderts erst zu einem
Staat zusammen gefügt wurde.
Preussen war protestantisch. Das ist
nicht weiter verwunderlich, wenn wir an England und die anglikanische
Kirche denken. Man kann den Weg Frankreichs gehen und den Staat
säkularisieren, um die konkurrierende Macht römisch-katholische
Kirche auszuschalten. Man kann sich aber auch eine nicht katholische
Staatskirche halten. Die Lutheraner boten sich dafür an mit
ihrer Treue gegenüber der rechtgläubigen Obrigkeit. Der
Wegfall der fromm einzuhaltenden religiösen Gesetze wurde
kompensiert durch die fromm einzuhaltenden staatlichen Gesetze. Der
Staat war greifbar, da personifiziert im evangelischen König,
den man zwar als einfacher Durchschnittsbürger höchstens
mal bei Prozessionen zu Gesicht bekam, dafür aber hatte er
überall seine Priester, die vom Allerhöchsten beständig
ihre heiligen Weisungen bekamen: die Beamten. Weswegen Bürger
sie auch zu verehren hatte und ihnen Gehorsam schuldete. Umgekehrt
schuldete dafür die evangelische Majestät nach alter
feudaler Manier dem Bürger die Sicherung seines
Lebensunterhaltes.
Vater Staat, der Glaube an ihn ist auch
heute noch weit verbreitet. Vater Staat, der fürsorgliche, der
immer weiß, was zu tun ist („Basta!“) und sich
deswegen auch schon mal augenzwinkernd über Recht und Gesetz
hinwegsetzen kann, wenn es nötig ist, zum Beispiel mit
Überwachungen, denn, wie sagt der fromme Bürger: „ich
habe nichts zu verbergen“. Vater Staat, der auch auf Einhaltung
der Ordnung drängt: in einem geordneten Staatswesen bleibt eben
oben immer oben und unten immer unten. Nicht wenige wählen auch
so, als entschieden sie, wem sie sich zur Adoption geben. Sie wählen
keine neue Regierung, sondern einen neuen Papa. Dieser Papa muss
selbstverständlich von seinen Dienern, den Politikern, in
Einigkeit unterstützt werden in allem, was er tut. Streit ist
etwas, was der konservative Staatsbürger in seiner heiligen
Familie nicht sehen will. Wenn seine Familie sich streitet, dann hat
der Papa sie nicht im Griff, und dann kann man ihm auch nichts
anvertrauen. Es ist gerade noch erlaubt, dass Papa (oder Mama) mit
milder Zurückhaltung Streitereien in der Familie duldet, um sie
dann in königlicher Milde und Weisheit auf eine gemeinsame
Lösung einzuschwören.
Deutschlands Reichtum ist seine
Vielfalt. Wo immer sich etwas findet, findet sich auch das Gegenteil.
Es findet sich nicht nur das katholisch-monarchische Bayern, das sich
im Zweifel einen feuchten Kehricht um die heilige preussische
Staatsraison schert, sondern auch z.B. das Ruhrgebiet, also die
großen Industriezentren. Den Bürgern, die dort lebten,
konnte man nichts weismachen. Wer in den großen Fabriken
arbeitete, wusste, wer die Werte schafft und wie und was davon
verteilt wird. Er wusste, wie Wirtschaft funktioniert, wer sich zu
viel von den Erlösen in die Tasche steckt, aber auch, dass nicht
verteilt werden kann, was noch nicht geschaffen ist. Gegen die
unmittelbare Anschauung kommt man nicht mit wohlgesetzten Reden an
(was, nebenbei bemerkt, auch für das bis vor kurzem noch als mit
überlegenem Wissen ausgestattete Finanzmanagement gilt).
Fast noch wichtiger erscheint mir aber
etwas anderes, was in der Geschichtsschreibung – aus
durchsichtigen Gründen – meist vernachlässigt wird:
die Städte.
Oft hört man, Deutschland sei ein
Nachzügler in Sachen Demokratie und Republik. Das lässt
sich nur sagen, wenn man die Geschichte der Freien Reichsstädte
ignoriert. Was natürlich in der vereinigten preussischen
Monarchie eine lange Tradition hat. Denn welcher feudale Staat mit
absolutistischen Ambitionen verweist schon auf Traditionen, die dem
von ihm Angestrebten widersprechen.
Ich sehe diese - herkömmliche -
Art der Geschichtsschreibung, was die deutsche Geschichte betrifft,
sehr kritisch. Denn vorausgesetzt wird dabei ein geschlossenes,
einiges Deutschland mit einheitlicher, gleicher sozialer und
politischer Entwicklung, dass es erst seit Ende des vorletzten
Jahrhunderts gab - und das auch nur offiziell, denn es war ja
keineswegs so, dass mit der Vereinigung durch Bismarck unter dem
preussischen König plötzlich all die regionalen
Unterschiede, die unterschiedlichen Lebens- und Denkweisen und auch
politischen Auffassungen (man denke an den Unterschied zwischen
Ruhrgebiet und Ostelbien) plötzlich aufgehoben waren. Bereits
dieses Denken ist feudal geprägt, denn die deutsche Geschichte
ist danach die Geschichte des Kaiserreiches, des heiligen römischen
Reiches deutscher Nation, abgelöst durch die Geschichte des
preussischen Königreiches, eine Geschichte, die dann nahtlos
überging in die Geschichte der Weimarer Republik usw. Was
dazwischen war, nämlich die Entwicklung Deutschlands außerhalb
Preussens, und das war doch einiges, insbesondere eine nicht zu
unterschätzende Strömung hin zu Demokratie und Republik
(die alte Sehnsucht: "Stadtluft macht frei"), wird meist
ignoriert, als Folklore am Rande betrachtet. Immer noch wird die
deutsche Geschichte gern so gesehen, wie sie die preussische
Monarchie gesehen und als Lehrstoff an den höheren
Bildungsanstalten vorgegeben hat.
Deutschland ist das Land der Schlösser
und Burgen. Jede Kleinstadt, die auf sich hält, pflegt ihr
Schloss. Doch Frankfurt hat kein Schloss. Köln auch nicht. Und
Hamburg und Bremen erst recht nicht – und es finden sich noch
eine Menge weitere Beispiele. Das betrachten sie nicht als Mangel, im
Gegenteil, darauf sind sie stolz, denn diese Städte sind alte
Republiken. In diesen alten Stadtrepubliken – in der Provinz
gelegentlich immer noch als verderbter Sündenpfuhl unter Kritik
– herrscht natürlich ein anderer Geist. Da hofft man nicht
auf ‚Vater Staat’, denn von dem kam selten mal was Gutes.
Da setzt man eher auf das, was sie auch in der Vergangenheit stark
und frei gemacht hat: Verträge. Verträge sind aber keine
Diktate eines Einzelnen oder einer geschlossenen Gruppe, sondern sie
werden ausgehandelt zwischen Gruppen und Personen, die unabhängig
sind (mit Abhängigen macht man keine Verträge, da nimmt man
gleich den Chef) und mit im Zweifel je unterschiedlichen Interessen.
Das tut man, denn aus Erfahrung weiß man, wenn man das nicht
tut, gibt es Ärger und Unfrieden, und das bekommt keinem gut.
Ein Staat als Vertragswerk ist nun allerdings eine profane Sache,
funktioniert aber in Sachen Demokratie sicherer als Seine Heiligkeit
– die Angelsachsen machen es vor.
Feudalismus ist nicht irgend eine
Ordnung (und das gilt für andere Ordnungen genau so), die einer
Gesellschaft einfach - von wem auch immer - übergestülpt
wird, denn dann könnte sich diese Ordnung nicht halten, auf
jeden Fall nicht über Jahrhunderte. Vielmehr muss die Mehrheit
der Menschen in dieser Gesellschaft davon überzeugt sein, dass
diese Ordnung so gut und richtig ist. Denn wenn sie davon nicht mehr
überzeugt sind, dann wird diese Ordnung längstens im Lauf
eines Jahrhunderts gestürzt und durch eine andere ersetzt.
Der Feudalismus war kein aufgezwungenes
Terrorregime, sondern für weite Teile der unter ihm lebenden
Bevölkerung normal, selbstverständlich.
Die unter ihm
lebende Bevölkerung - das waren eben diejenigen Menschen, die in
ihrem praktischen Leben von den Entscheidungen ihres Feudalherren
abhängig waren. Vor allem natürlich die Tagelöhner auf
dem Land. Aber auch manch Industrieller gerierte sich als
Feudalherr.
In Ordnung war der Feudalismus nach Auffassung des
guten Bürgers deswegen, weil er dem, der sich ihm unterwarf,
Schutz und Sicherheit bot, ein geregeltes Leben und meist auch eine
soziale Grundversorgung (wenn auch mickrig, aber der Tagelöhner
hatte z.B. Anspruch auf eine Kate und einen Kartoffelacker). Eben
dies wurde auf den bürokratischen Staat übertragen, die
feudale Denkweise, dass ein anderer dazu berufen sei, für einen
zu sorgen. Eben Vater Staat. Der das Recht habe, alle politischen
Angelegenheiten mit seinem Kabinett ganz allein und selbstherrlich zu
bestimmen.
Übertragen auf die Demokratie
heißt das, gewählt wird der, den man sich derzeit als
Adoptivvater wünscht. Der, da er, wenn gewählt, regieren
darf, natürlich auch lieb zum Kinde sein und ihm paar Geschenke
machen muss.
Stellt man dies dem demokratischen
Meinungsbildungsprozess auch in der Öffentlichkeit während
einer ganzen Legislaturperiode gegenüber, dann merkt man, dass
da tatsächlich zwei unterschiedliche Denkweisen vorliegen.
Zweifellos gibt es immer noch diejenigen, die in den Politikern die
neuen, jedoch ebenso zur Fürsorge verpflichteten Feudalherren
sehen. Und vor allem gibt es immer noch Politiker, die sich selbst so
sehen. Doch wo sind die Republikaner? Schauen wir doch mal dahin, wo
sie ihre Heimat haben, in die großen, einst freien
Reichsstädte. Wie wird dort gewählt? Und auch: wie wird
dort nicht gewählt? Beziehen wir in unsere Überlegungen
ein, dass in diesen Stadtrepubliken stets ein teils latenter, teils
auch offener Kampf zwischen Bürgern und Patriziern geführt
wurde – und dass die Menschen sich allüberall nicht
sonderlich voneinander unterscheiden und unterschieden haben. Auf der
Seite welcher Parteien stehen denn unsere freien, demokratischen
Republikaner, wen wählen sie denn, wenn sie überhaupt
wählen? Und wenn sie nicht wählen: heißt das, dass
sie sich aus der Politik, die in ihrer Stadt gemacht wird, gänzlich
heraus halten? Davon können die Städte aber ein anderes
Lied singen.
Es ist nicht leicht, in Deutschland zu
regieren. Denn die Vielfalt verlangt, ständige Kompromisse
zwischen den Gegensätzen zu finden, auch zwischen diesen beiden,
der monarchisch-religiösen und der urrepublikanischen
Staatsauffassung.
Wobei die Kompromissfindung auch
dadurch erschwert wird, dass die monarchisch-religiöse
Staatsauffassung natürlich sehr attraktiv ist – für
diejenigen, die in ein Parlaments- oder gar Regierungsamt geschickt
wurden. Denn die zuverlässige Treue der Konservativen
schmeichelt dem Selbstbewusstsein und macht Entscheidungen leichter –
dummerweise gehen einem dann die Republikaner laufen.
Auf zur Säkularisation!
Die FED hat die Geldmenge auf das Doppelte erhöht
und macht sich selbst zur Bad Bank. Und kooperiert dabei ausgerechnet
mit denen, die im Grunde die ganze Sache eingebrockt haben:
Spekulanten und Hedge-Fonds. Spekuliert selbst, nämlich mit
Gewinnsucht und Zocker-Mentalität. Zieht die allerletzten
Register, um die Deflation vielleicht doch noch abwehren und das
System erhalten zu können, denn die letzte Trumpfkarte wurde
längst gezogen: Leitzinssenkung. Geht nicht mehr. Die sind schon
bei so gut wie Null.
Gegensteuern heißt nun, Deflation mit
Inflation zu bekämpfen in der Hoffnung, man könne die
drohende Inflation später in den Griff kriegen. Denn etliche
große Firmen sind insolvent und brauchen unbedingt Kredite, die
sie nicht bekommen. Der gesunde Menschenverstand fragt allerdings,
wer denn Kredite geben will, wenn am Horizont die Inflation dräut,
die jeden gewährten Kredit entwertet?
"Wir müssen eben alle anpacken, um die
Krise zu bewältigen."
Äh, wer ist "alle"? Sollen wir alle
anpacken, darben, uns erst mal in den Rauch hängen, Hartz IV
kürzen, weil die faulen Kerle sich doch Arbeit suchen sollen,
die keiner bezahlen will und kann? Bezahlte Arbeitsplätze, von
denen ein Mensch mit seiner Familie ohne Unterstützung durch die
Solidargemeinschaft Staat leben kann, die es nur dummerweise nicht
gibt? Sollen wir alle anpacken, damit die Finanzwirte wieder Aussicht
auf Gewinne sehen, die sie sich in die Tasche streichen können?
Weil unsere Wirtschaft ideologisch auf der egoistischen Gewinnsucht
des Individuums aufbaut, ohne die angeblich nichts mehr geschaffen,
nichts mehr produziert wird?
Wie hat die Menschheit eigentlich in den
vergangenen Jahrhunderten und Jahrtausenden überlebt, als sie
noch fromm war und Mitbürger mit dieser Einstellung zum
öffentlichen Beschimpfen und Bespucken an den Pranger gestellt
hat?
Es geht auch ohne kapitalistische
Wirtschaftsideologie.
"Wir können nicht mehr so weitermachen wie bisher.
Wir müssen uns
selbst wieder zu Höchstleistungen antreiben.“ Sagt
Sloterdijk, und mich erinnert das an ein Gedicht von Villon:
„Ich
sah noch keinen Pfaffen krank und abgezehrt,
sie darbten nie, sie
soffen nur und praßten,
und zogen, wenn es
nicht mehr langte, an den Glockensträngen;
denn wer's lang hat,
der lässt es auch lang hängen.“
„Wir
müssen unser Leben entscheidend ändern, weil wir
andernfalls an einem ökonomischen und ökologischen
Selbstauslöschungsprogramm teilnehmen.“ Wir?
„Schon
in der älteren Geschichte der Menschheit gab es strenge
Autoritäten, Götter, Gurus und Lehrmeister, die ihre
Gefolgschaften mit enormen Forderungen beunruhigten. Jetzt haben wir
es mit einer ungöttlichen Göttin namens Krise zu tun, die
von uns verlangt, neue Lebensformen zu entwickeln.“
Dass die Wirtschaft zum
Gott installiert wurde, sage ich schon seit Jahren und frage danach,
wo denn ihr Tempel steht, auf dass man sie anbeten, verehren und bei
ihren Priestern um Rat und Hilfe bitten kann. Nun soll Gott
Wirtschaft also, wie weiland der alte Zeus, auch noch Nachwuchs
produziert haben, genannt Krise, die, wenn wir ihren strengen
Forderungen nicht gehorsam folgen, uns gar alle ökonomisch und
ökologisch auslöscht.
Ich schlage vor, wir
schicken Die Wirtschaft mitsamt ihrer Priesterschaft in Quarantäne
und geben ihr Sloterdijk als erbauliches Unterhaltungsprogramm mit.
Und plädiere für
eine in der Vergangenheit alt bewährte Maßnahme:
Säkularisation. Ein Wort, das stets mehr bedeutete als das, was
es ursprünglich meinte, nämlich Enteignung der
Kirchengüter. Denn nicht die Aberkennung persönlichen
Eigentums, das jedes Lebewesen braucht, um sich in der Welt zu Hause
zu fühlen, war der Grund der Säkularisation, sondern das,
wozu gerade dieses spezielle Kircheneigentum gebraucht wurde, als was
es fungierte, nämlich als Mittel, um Macht über Menschen
auszuüben. Die Voraussetzung aber, diese Macht zu brechen, ist
zu erkennen, dass sie in Wirklichkeit gar nicht besteht, dass sie auf
einer Ideologie basiert, die falsch ist, weil sie sich im Kern selbst
widerspricht.
Menschen brauchen kein
Geld, um zu leben, zu arbeiten, zu wirtschaften. Menschen brauchen zu
essen, zu trinken, Kleidung und ein Dach über dem Kopf. Arbeiten
muss man ihnen nicht befehlen, das machen sie freiwillig, ganz von
alleine, sofern die Bedingungen stimmen, und das heißt
zuvörderst, dass die Anerkennung ihrer Leistung unabhängig
davon ist, wie viel Geld sie dafür kriegen. Gepriesen wird das
Ehrenamt, und die es erfüllen, das sind Leute, die bringen
Leistung für lau. Aber ist es auch so bei dem Hartz IV –
Empfänger, dem man für seine Leistung einen Euro pro Stunde
hinterher schmeißt, wie einem Bettler in den Hut?
Geld ist ein in der
Praxis unverzichtbares Austauschmittel. Ich plädiere keineswegs
für seine Abschaffung, denn das wäre Unfug. Aber ich
plädiere dafür, es als das zu sehen, was es ist: kein Wert
an sich, sondern ein Symbol für das, was man damit bekommen
kann. Wenn ein Stück Butter statt einem Euro 10 kostet, dann
kann mir das gleichgültig sein, sofern ich diese 10 Euro in der
Tasche habe, um mir eines zu kaufen. Nicht gleichgültig ist es
dem, der sein Einkommen dadurch verdient oder vermehrt, dass er Geld
als Wert an sich betrachtet, der sich beständig zu vermehren
habe, Junge zu hecken habe, als wäre Kapital ein Lebewesen.
Seinem fassungslosen Geist wird durch die Realitäten vorgeführt,
dass er sich irrt.
Säkularisation der Wirtschaft beginnt mit der
Erkenntnis: es ist ja gar nicht so. Es ist ja gar nicht so, dass der
Mensch von Natur aus ein faules, egomanes Wesen ist, Zeit seines
Lebens damit beschäftigt, seinem Nächsten die Ellenbogen in
den Leib zu rammen, um sich gegen ihn durchzusetzen, um von der
Finsternuss ans Sonnenlicht des Reichtums zu gelangen. Sonne ist
etwas anderes, die steht real am Himmel und in ihrem Licht baden kann
man sich kostenlos. Es ist ja gar nicht so, dass ich sparen und
kratzen muss, damit ich auch in Zukunft ein Auskommen habe, weil kein
Deuvel mir was schenkt. Unsere Zukunftssicherung ist nicht unser
Geld, unsere Zukunftssicherung ist der Staat, die Gemeinschaft, in
der wir leben. Und die muss unser aller Zukunft auch so sichern, dass
das Leben für uns alle lebenswert ist. Dafür müssen
wir leisten, dafür müssen wir zahlen, denn unsere Lebens-,
Arbeitslosen-, Kranken- und Rentenversicherung, das können immer
nur die Menschen sein, die mit uns in diesem Staat zusammen leben.
Geld kann man nicht essen, und es leert auch nicht unseren Pisspott
aus, wenn wir krank im Bett liegen. Es sind immer nur Menschen, die
das tun. Nur auf die ist Verlass. Ich brauche diese Hilfen nicht.
Aber andere brauchen sie. Also muss ich für sie mit arbeiten.
Für die, die diese Hilfe brauchen, und für die, die ihnen
diese Hilfe geben. Damit auch für sie das Leben lebenswert ist.
So, wie es andere tun werden, wenn ich selbst hilfsbedürftig
werden sollte.
Schauen wir uns unter diesem Aspekt in unserem
Staat um, stellen wir fest, Arbeit ist mehr als genug da. Es gibt
jede Menge an öffentlichem Eigentum, also unser aller Eigentum,
was zu renovieren, in Stand zu halten, neu zu bauen wäre, und
der Mangel an beratender und helfender Dienstleistung ist gar nicht
zu übersehen. Warum wird diese Arbeit nicht getan? Sie ist doch
nötig und wir leiden darunter, dass sie nicht getan wird. Weil
kein Geld dafür da ist. Wer hat dieses Geld? Wem können wir
es weg nehmen?
Sind wir davon abhängig? Warum tun wir diese
Arbeiten nicht einfach? Wenn kein Geld da ist, dann wird das eben
gedruckt. Mag das Geld dadurch entwertet werden, die dafür
erbrachte Leistung, die wird nicht entwertet. Eine frisch renovierte
Schule wird nicht dadurch dem Verfall preis gegeben, dass der Wert
des Geldes verfällt, mit dem die Renovierung bezahlt wurde. Die
bleibt erst mal so, und daran ändern tut sich nichts durch eine
Geldentwertung, sondern nur durch die Aktionen unserer Kinder.
Um Gottes Willen, dann geht doch unsere ganze
Wirtschaft den Bach hinunter!
Welche Wirtschaft?
Unsere?
Was schert uns der Geldwert, wenn wir zu leben
haben?
Geldentwertung: sehen wir Geld als das, was es
ist: Austauschmittel.
Irgendwann in meiner Kindheit wurde die
40-Stunden-Woche eingeführt. Samstags gehört Papi mir.
Bedeutete, dass Papi samstags vormittags nicht mehr ins Büro
ging, sondern in seinen Garten.
Papi hat sich nicht tot gearbeitet. Man schaute
nicht auf die Minute und für ein privates Schwätzchen mit
Kollegen und Geschäftsfreunden blieb immer noch Zeit. Dafür
rechnete man auch nicht die Zeit ab, die man unterwegs verbrachte,
wenn man mit Familie und Geschäftsfreunden von Rüdesheim
nach Köln schipperte. Die Tickets bezahlt die Firma und die Zeit
opfert man dem Geschäftsfreund, weil, er ist ja schließlich
der Partner, mit dem man kooperiert, da will man ihm das Leben auch
angenehm machen; macht er schließlich auch, wenn man ihn
besucht, normal. So was rechnet man nicht in Stundenlohn ab. Das
gehört sich nicht. Dachte man früher.
Mami war zu Hause, war Hausfrau. Das war in so gut
wie jeder gut bürgerlichen Familie der Fall. Denn wenn Mami
arbeitete, dann hieß das, dass Papi nicht genug Geld verdiente,
um die Familie zu ernähren; Schande.
Ne, ne, komme nur keiner auf die Idee, dass ich
hier der Hausfrauenehe das Wort reden will. Ich sage, guckt Euch das
doch mal unter dem Aspekt Geldwert an.
Papa fing nach dem Krieg mit 400 DM Gehalt an. Als
Ingenieur. Das war erheblich weniger, als heute ein Hartz IV
Empfänger als Einzelperson bekommt - nur, dass der davon keine
Miete zahlen muss. Papa aber konnte das. Und nicht nur das: er konnte
davon auch noch eine Famiie mit zwei Kindern ernähren und für
ein Haus sparen. Gut, das Gehalt stieg natürlich. Doch selbst
1200 DM sind immer noch nicht so viel, wie das, was heute ein Hartz
IV Empfänger als Einzelperson mit Miete bekommt - und der kann
damit noch nicht einmal einen vernünftigen Lebensunterhalt für
sich selbst finanzieren. Ist denn das wahr, dass die Ursache dafür,
dass der Hartz IV Empfänger seinen Lebensunterhalt deswegen eher
schlecht als recht finanzieren kann, die ist, dass er so viel Luxus
braucht?
Wir arbeiten heute intensiver und in der gleichen
Arbeitszeit mehr, als unsere Väter. Heißt, die
Arbeitsproduktivität ist erheblich gestiegen. Wir leisten mehr,
wir schaffen mehr, wir produzieren mehr als unsere Vätergeneration.
Waren das also faule Säcke? Mitnichten. Das war die Generation,
die das geschaffen und aufgebaut hat, was wir Wirtschaftswunder
nennen.
Wir produzieren mehr, und wir verdienen mehr. Viel
mehr.
Wieviel mehr?
So viel, dass ein Alleinverdiener mit seinem
Verdienst Frau und zwei Kinder ernähren kann, na?
Is nich, ne?
Also: was ist heute unsere Arbeit wert im
Vergleich zu früher?
Da stimmt doch was nicht, oder?
Wir arbeiten immer mehr.
Und werden dabei immer reicher.
Nur merkt davon inzwischen wohl die Mehrheit
unserer Bevölkerung nicht viel. Die werden nämlich
tatsächlich immer ärmer.
Und weil sie immer ärmer wird, kann sie immer
weniger kaufen. Das, was in Billiglohnländern produziert wird,
deren Arbeitskräfte noch ärmer sind als wir. Die, um
überleben zu können, Leben, Gesundheit und die Arbeitskraft
ihrer Kinder verkaufen müssen. Ja, wir sollten diese
ausbeuterischen Verhältnisse nicht auch noch unterstützen,
indem wir den Unternehmern auch noch solche Produkte abnehmen und sie
damit Gewinne machen lassen. Schön. Aber wovon sollen wir denn
unsere eigenen Produkte bezahlen?
Die Nachfrage ist das Problem, sagen etliche
Wirtschaftsfachleute, und die lässt sich auch nicht steigern,
wenn die Unternehmen frische Kredite bekommen, um weiter produzieren
zu können. Was nützt denn ein Kredit für Opel, mit dem
weiter Autos gebaut werden können, die keiner abkaufen kann, bis
auf die, die kein neues Auto brauchen, weil sie schon die
Abwrackprämie genutzt haben, um sich eines zu kaufen? Wie soll
denn der Kredit zurück gezahlt werden, wenn die produzierten
Autos nicht verkauft werden können?
Oder sollte etwa der Bedarf gedeckt sein?
Der Bedarf des Arbeitslosen mit Familie wird
jedenfalls nicht gedeckt sein, wenn ihm nächstes Jahr die alte
Muckepinne kaputt geht. Gut, geht er eben zur Bank und lässt
sich nen Kredit geben für ein neues Auto.
Wie schnell kann er den denn zurück zahlen?
So schnell, dass die mit Inflation rechnende Bank
ihr Geld rechtzeitig zurück kriegt? Nee? Ja dann ... wird Opel
wohl wieder mal ein Auto weniger verkaufen.
Die Verhältnisse stimmen nicht mehr. Längst
nicht mehr.
Das Verhältnis zwischen Produktion und
Einkommen.
Großzügige Kreditgewährung an die
unterbezahlten Produzenten - und das sind nicht nur Arbeitnehmer -
hat dies lange Zeit verschleiert.
Es wird Zeit, hinzugucken, dass es so nicht geht,
dass dieses System nicht mehr reparabel ist, dass es zwingend in den
Zusammenbruch führen muss.
Um zu erkennen, dass das so tragisch eigentlich
gar nicht ist. Sondern eher die Chance, uns von dummem,
ideologischem Zeugs zu befreien. Und die sollten wir nutzen.
Eskalation in den Umverteilungsstaat
Zunächst bitte ich,
sich mal diese Lektüre zu Gemüte zu führen:
Das ist nämlich das Papier, mit dem die FDP wedelte, als sie 1982 die
Koalition mit der SPD unter Helmut Schmidt verließ; Schmidt
sagte damals, er sei Sozialdemokrat, das, was dieses Papier fordere,
das mache er nicht mit
Dieses Papier markiert den
Einstieg der Bundesrepublik Deutschland in die neoliberale
Wirtschaftspolitik, den dann Helmut Kohl besorgte. Und wenn man die
dort niedergeschriebenen konkreten Forderungen liest, dann versteht
man noch besser, warum der Agenda 2010 neoliberaler Geist vorgeworfen
wird; die hat ein gut Teil jener Forderungen des Grafen Lambsdorff
nämlich verwirklicht.
Lambsdorffs letzten Satz
möchte ich zitieren: „Die Konsequenz eines Festklammerns
an heute nicht mehr finanzierbare Leistungen des Staates bedeutet nur
die weitere Verschärfung der Wachstums- und
Beschäftigungsprobleme (Einschub zur Förderung des
Realitätssinnes: damals ging es um 2 Millionen Arbeitslose)
sowie eine Eskalation in den Umverteilungsstaat, der Leistung und
Eigenvorsorge zunehmend bestraft und das Anspruchsdenken weiter
fordert – und an dessen Ende die Krise des politischen
Systems steht.“ (Das
Kursive ist von Lambsdorff selbst.)
Wie
isset: kommt einem diese Passage nicht irgendwie bekannt vor, als
hättet man das öfter mal gehört, nämlich zum
Beispiel von SPD-Mitgliedern? Freilich ohne die „Krise des
politischen Systems“. Da glaubt nämlich keiner dran.
Jedoch möchte ich hier mal meinen alten Vater zitieren: „man
muss immer mit dem Faktor X rechnen, der Dummheit der Menschen“,
und damit meine ich jetzt nicht die Dummheit des gemeinen
Staatsbürgers.
Statt
dessen möchte ich den Blick auf eine andere Weltgegend in jener
Zeit lenken: Chile. Da regierte nämlich ein gewisser Herr
Pinochet, und das bis 1990.Was das mit dem Thema zu tun hat? Nun,
Chile war der Feldversuch für die Umsetzung Milton Friedmans
neoliberaler Wirtschaftstheorie in die politische Praxis. Friedman,
das war der mit der Pferdeäpfel-Theorie: wenn man das Pferd
vorne nur ordentlich füttert, dann fällt hinten auch noch
was für die Spatzen ab. War für den „Generalisten“
Kohl in ihrer Simplizität eine einleuchtende Darstellung.
Dieses
Experiment wurde ja durchaus von der chilenischen Oberschicht und dem
Mittelstand gestützt – gut, nicht vom ganzen Mittelstand,
das war ein Gerücht; mein einstiger Nachbar stammte auch aus dem
chilenischen Mittelstand, war aber politischer Flüchtling.
Gestützt auch von konservativen Ökonomen, die die
wirtschaftsliberalen Reformen verteidigten. Schön, auch, was den
wirtschaftlichen Erfolg betrifft, ging das Experiment in die Hose und
Friedman beeilte sich zu versichern, das läge aber nur daran,
dass der Staat trotzdem noch zu viel Einfluss auf die Wirtschaft
genommen habe. Woran man erkennt, wenn manchen Leuten etwas subjektiv
gefällt, dann lassen sie sich auch nicht von entgegen stehenden
Tatsachen davon abhalten, dies zu verfolgen. Faktor X.
Vorsicht
ist die Mutter der Porzellankiste. Wirtschaftspolitik ist
Machtpolitik.Und man sollte tunlichst davon ausgehen, dass einige
Leute so dumm sind sich einzubilden, sie hätten ein natürliches
Recht darauf, Macht auszuüben (im Zweifel sind das die gleichen
Leute, die der Auffassung sind, der Staat, also die soziale
Gemeinschaft, habe nicht das Recht, ihnen Steuern abzunehmen).
Wenn
wir unsere Wirtschaft, von der wir alle leben, wieder funktionsfähig
machen wollen, dann müssen wir die Nachfrage stärken, dafür
sorgen, dass der schlichte Staatsbürger wieder Geld in der
Tasche hat, damit er sich was kaufen kann. Und dass das auch auf
Dauer so bleibt. Nur, wenn das der Fall ist, haben wir auch einen
starken Staat, denn wenn der schlichte Staatsbürger finanziell
ausblutet, dann blutet auch der Staat finanziell aus. Das ist so.
Armen Bürgern folgt der schwache Staat, zynisches Gesetz des
Neoliberalismus.
Aber
machen wir uns klar, dass Geld nicht auf Bäumen wächst und
dass eine Inflation nun wirklich nur im allergrößten
Notfall eine unwillkommene Lösung ist. Heißt, was unsere
Aufgabe ist, ist klipp und klar gesagt Umverteilung. Wir müssen
anderen was wegnehmen, und zwar dauerhaft und nachhaltig. Sonst
rutschen wir nämlich absehbar in die nächste
Wirtschaftskrise. Das ist notwendig, sieht sogar Walter,
Chefvolkswirt der Deutschen Bank ein. Weil es notwendig ist, ist es
auch möglich. Aber glaube keiner, dass das von heute auf morgen
passieren kann und ein Zuckerschlecken wird! Bisschen Geduld muss man
da schon haben und ohne Taktik sollte man sich da auch nicht ran
machen. Statt gutmenschlich-idealistischer Forderungen muss rational
und überzeugend argumentiert werden, durchaus auch gegen
diejenigen aus den eigenen Reihen, die so gewisse persönliche
Defizite haben und sich ob ihrer Eitelkeit verführen lassen –
du gehörst doch zu uns, zur besseren Gesellschaft und nicht zu
dem dummen Volk da. Oder welchen praktischen Nutzwert sollen sonst
die Gelder haben, die von Unternehmen in die „politische
Landschaftspflege“ gesteckt werden?
Vor
allem aber brauchen wir Beharrlichkeit. Niemals das Ziel aus den
Augen verlieren.
Das
sind wir unseren Mitbürgern schuldig, für die wir uns
einsetzen und unseren Wählern, vor denen wir uns zu verantworten
haben.
Und
wir sind es ihnen schuldig, dass wir für sie um die politische
Macht kämpfen.
Absage an Die Linke
Haben wir keine anderen Sorgen, als die
Partei Die Linke auf Abstand zu halten?
Doch. Haben wir.
Dennoch halte ich es für
außerordentlich wichtig, dass gerade der linke Flügel der
SPD sein Verhältnis zu dieser Partei überdenkt, denn für
die Bürger ist dies eine Vertrauensfrage.
Ich wäre nicht von selbst darauf
gekommen, denn ich fürchte Die Linke nicht im mindesten. Wie
wohl die meisten von uns. Doch eine junge, mit mir lange verbundene
und eher links gerichtete junge SPD-Wählerin erklärte: „Ich
habe Angst vor den Linken.“ Wieso? Ich bin doch selber links,
hast du denn Angst vor mir? Nö. Vor den anderen. Vor den Linken.
Warum? Weiß nicht. Aber ich habe Angst vor denen.
Also etwas Irrationales. Etwas, was
tief im politischen Instinkt angesiedelt ist, geprägt durch
Bilder und Erfahrungen, durch unbewusstes Denken, das aber nicht zu
falschen Ergebnissen führen muss. Im Gegenteil: nicht selten
sind solche Instinkte zuverlässiger als rational konstruierte
Abwägungen. Sie sind ernst zu nehmen.
Ich kann diese Angst nicht
nachvollziehen. Aber ich kann danach trachten, ihre Ursachen zu
erforschen. Auffallend ist, dass die Angst vor Der Linken nicht
gekoppelt ist mit der Angst vor den Rechtsextremisten. Nicht etwa
deswegen, weil die eher akzeptiert werden, sondern offenbar deswegen,
weil da ein klarer Gegner auszumachen ist. Gemäß einer mir
von Zeitzeugen überlieferten populären Variation des Liedes
vom Roten Wedding: „Drüben stehen die Faschisten –
haut sie tot!“. Klare Verhältnisse, klare Front, man ist
dabei, wenn sie sich mucksen und steht dagegen.
Doch bei der Angst vor Der Linken ist
das nicht der Fall. Da gibt es keine klare Front, und man weiß
noch nicht einmal, wovor man Angst hat.
Es sind eingefleischte Demokraten, die
solche Ängste haben, selbstbewusste, freie Bürger, die ihre
Freiheit und auch die Freiheit ihrer Mitbürger durchaus vom
herrschenden neoliberalen System bedroht sehen, das sie zum Puckeln
zwingt, dazu, die Zähne zusammen zu beißen und auch
angesichts geradezu menschenverachtender Missstände ihre Klappe
zu halten, um die Eroberung fest zu halten, die sie zumindest vor der
Bedrohung der Freiheit ihrer persönlichen Lebensgestaltung durch
das Damoklesschwert Hartz IV schützt: ihren Job.
Doch noch bedrohlicher erscheint etwas
anderes. Der Zusammenbruch des Sowjet-Systems spülte die
Kenntnis der Umstände ins Bewusstsein, unter denen die Menschen
dort leben mussten: unter allmächtigen Bonzokratieen, die das
persönliche Leben des Einzelnen bis ins Detail zu bestimmen
trachteten und jeden, der sich nicht darum scheren wollte,
abservierten, bis hin in Gefängnis und Verbannung. Es gibt sie
immer noch, zum Beispiel in China. Und entstanden sind sie durch
Revolutionen, durch Volksaufstände voller Wut und Hass,
aufgestachelt durch Hetze. Durch den Verlust freundlicher,
menschlicher Rationalität an das verstandesblinde Gefühl.
Ein Phänomen, das auch an den wütenden Demonstrationen
islamischer Fundamentalisten zu sehen ist. Der Instinkt urteilt hier
klarer als der bewusste Verstand: es ist dasselbe Phänomen.
Die Angst vor Den Linken ist ernst zu
nehmen. Ich will den Mitgliedern und Wählern dieser Partei
keineswegs generell das demokratische Bewusstsein absprechen. Und
doch ist es offenbar so, dass diese Partei, nicht nur aufgrund der
Herkunft eines Teils von ihnen aus der ehemaligen SED, an diesen
Alptraum anknüpft. Denn was wir Populismus nennen und milde als
schlechte politische Manieren betrachten, kommt bei unseren
Mitbürgern anders an: als reine Hetze. Die, darauf können
wir uns verlassen, auch uns übel genommen wird, wenn wir sie
denn gebrauchen. Denn der demokratische Instinkt unserer Bürger
schlägt Alarm, wenn er so etwas vernimmt: alles, bloß das
nicht.
Unsere Freunde von der
Empiristen-Front, die Politologen, Soziologen und Wahlforscher,
ziehen daraus den Schluss, dass die Mehrheit der Bürger der
politischen Mitte anhängt und treiben die Parteien dazu, sich um
die Mitte zu prügeln. Das tun die Parteien auch – mit dem
Ergebnis, dass sie alle den so gewonnenen Idealtyp des Wählers
anpeilen, bis zur Ununterscheidbarkeit. Doch den empirischen Idealtyp
des Wählers gibt es nicht, und so ist der Kampf um die
politische Mitte unsinnig, denn die gibt es gar nicht. Sie ist nur
eine statistische Größe, so, wie der, der mit dem linken
Bein in kochendem Wasser steht und mit dem rechten im Eiswasser, sich
statistisch gesehen in einem angenehmen Bad befindet. Die
persönlichen Lebensumstände unserer Mitbürger werden
von unserem herrschenden sozialen System geprägt, und das heißt,
dass ein immer kleiner werdender Teil davon profitiert und ein immer
größerer Teil seine Lebenszeit – und die ist kostbar
und unwiederbringlich! - durch erdrückende Sorge um die eigene
Existenz sinnlos vergeudet sieht. Denn niemand kann sich in den Rauch
hängen und sein Leben vorübergehend einstellen, bis wieder
bessere Zeiten kommen. Es gibt keine Alternative zu dem Leben, das
wir jetzt leben, und von der Hoffnung auf bessere Zeiten können
wir uns heute keine neue Waschmaschine kaufen und kein Bierchen mit
Freunden trinken gehen. Diese Menschen sitzen nicht in der fiktiven
politischen Mitte, um die unsere größeren – muss man
inzwischen sagen – Parteien kämpfen. Deswegen gehen sie
auch nicht wählen, denn es gibt ja niemanden, der ihr Sprachrohr
ist, der ihre Interessen, ihre zentralen Bedürfnisse vertritt.
Behaupten tut das nur Die Linke, doch in ihrem Hintergrund droht ein
Preis, den unsere inzwischen in der Wolle demokratisch gefärbten
Mitbürger nie und nimmer zu zahlen bereit sind.
Wir auch nicht. Wir denken nur nicht an
einen solchen Preis, weil wir alten linken sozialdemokratischen
Haudegen uns – zu Recht – gänzlich sicher sind, das
wir das aber nun wirklich zu verhindern wissen. Der nicht nur
wirtschaftliche, sondern auch ideologische Neoliberalismus –
jeder ist seines Glückes Schmied, und wem es schlecht geht, der
ist selbst dran schuld – ist unvernünftig, unsozial und
inhuman, mit einem Wort, falsch. Das lässt sich darstellen, das
lässt sich nachweisen, das leuchtet, wenn man sich die Zeit
nimmt zum Gespräch und sich nicht auf kurze billige Parolen
verlässt, vernünftigen Bürgern ein. Wir haben es nicht
nötig, zu irrationalen Volksaufständen aufzuhetzen, um
dieses neoliberale System zu ändern, dazu genügt vollkommen
eine anständige gewählte Mehrheit, die sich im Interesse
der nicht von diesem System Profitierenden sachlich und vernünftig
daran macht, es so neu einzurichten, dass unsere gesamte Gesellschaft
ein gesichertes, freies und würdiges Leben führen kann,
nicht nur die paar, die mit Zähnen und Klauen am alten System
hängen, weil sie davon am meisten profitieren. Eine
parlamentarische Mehrheit, die sich nicht einer fiktiven empirischen
Mitte verpflichtet fühlt, sondern ganz konkreten, sichtbar
lebendigen Mitbürgern, die klar wissen, was sie
vernünftigerweise wollen und warum sie das unvernünftigerweise
nicht kriegen und, wenn sie wählen, dann diejenigen, die klar,
fest und vertrauenswürdig sagen, gut, ihr habt Recht, so geht
das auch nicht, wir wollen das anders machen, und wir werden alles
tun, euren Willen, der unser Willen ist, auch praktisch
durchzusetzen.
Linke Sozialdemokraten sind linke
Demokraten. In der Wolle gefärbte. Absage an Die Linke heißt,
nä, verwechselt uns nicht mit denen, wir sind anders.